Drama bei der Hochzeit ;-)

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Eva64
Mitglied seit
04.01.2015

202 Beiträge

Diesen Eintrag fand ich durch Zufall in Hessen-Nassau, Dekanat Erbach, Sandbach:

http://www.archion.de/p/c06be37652/

Neustadt
Dienstags nach Dominica XIII. Trinit. 1656 in Neustadt
copuliert und eingesegnet Abraham Delborn eines Ledder=
bereiters Sohn zu Wertheim mit Barbara, Bartholt
Straßair des Müllers zu Rosenbach sel. nachgelassene Tochter,
der Welschen Schustrein in Neustadt Dienerin.
Da ich itzo zum Actu Copulationis wollte schreiten, und beede Perso=
nen nach gehaltenem Hochzeit=Sermon und verlesener Vermahnung auf
Trewe vor der Gemeinde die Hände einander darreichten, tritt
eine Metze von Wertheim unversehens herbey, den Bräutigam offent=
lich und mit lauter Stimme anredend bis? verbis: Wollet ihr zwey Wie=
ber haben? Als ich sie fragt: Ob er ihr auch die Ehe versproch, antwor=
tet Sie laut: Das Kind ist da. Da ich regeriert?, Ihr Ruhm? waer
nicht fein, und warumb sie sich nicht eher angemeldet sprach sie: Sie hätte
es erst gestern zu Wertheim erfahren und were die ganze Nacht durch gegangen.
Hierauf hies ich unserern Schul=Praeceptoren einen Gesang anheben, und unter
dem Gesang nach gehaltenen vielen Unterredungen mit dem Bräutigam und Dirne
..adete ich sie bedde zu billigem Abbtrag, copulierte bald darauf beede
zuvor ordentlich proclamierte zuvor besagte Personen. Der Abbtrag mit
der Metzen ward hernach vom Ampt gemacht. Die Derne ist nach=
gehend, wie untersagt?, zu Wertheim weidlich gestrafft worden.

Ich finde den Eintrag auch noch unter anderen Gesichtspunkt sehr interessant. Erstens erfährt man, wie dort eine Trauungszeremonie von statten ging und zweitens wie mit unehelichen Kindern, d.h. deren Unterstützung, verfahren wurde.

Grüße
Eva

Profil gelöscht

"Eine Metze ist ebenso ein veralteter Begriff für eine Prostituierte / Hure / Nutte / Dirne / „leichtes Mädchen“ (siehe auch Beischläferin)"

Die Unchristlichkeit der "christlichen" Kirche ist leider aus solchen Kirchenbucheinträgen zu ersehen - und leider auch noch bis heute in den Köpfen bestimmter Kirchenpersonen verankert. - Aus der Bibel lernten/lernen diese bestimmten Pastoren eigentlich Jesu Ausage "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein ..." ( ? ) -
Auch interessant ist Ihr Eintrag dahingehend, dass der Pastor sofort "weiß" dass die Frau aus Wertheim "eine Metze" ist - er aber nicht einmal ihren Namen kennt und auch nicht Erkundigungen aus Wertheim eingeholt hat. - "Später hörte er von einer Bestrafung der "Metze" in Wertheim .... " - Wollte er sich reinwaschen "von aller Sünde" -
und - das voreheliche Kind des Bräutigams war gebrandmarkt
wie seine Mutter - mit allen negativen Folgen für sein ganzes Leben ... - Vor längerer Zeit wurde darüber diskutiert, dass "Hexen", die unschuldig verbrannt wurden, seitens der Kirche "rehabilitiert" werden sollten - wer dachte jemals daran, all die unter "christlicher" Herrschaft zutiefst unchristlich behandelten - für das Leben gebrandmarkten unschuldigen Kinder - zu rehabilitieren ? Und ihre Mütter mit ihnen ? - Es gibt bestimmte Personen die von der Liebe als Himmelsmacht reden - und wenn sie 2 Menschen überfällt -
dann ist diese Liebe des Teufels ? Wieviele Paare konnten gar nicht heiraten, weil sie schlicht und einfach elend arm waren ? Dem Pastor nicht die Heiratsgebühr zahlen konnten ? Und haben die "Metzen" und ledigen Mütter ihr Schicksal alle selbst gewollt ?
"Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!"
VG.

BerndSchulz
Mitglied seit
04.01.2016

490 Beiträge

Hallo,

es wird ja sehr oft nach einem Grund gesucht warum manche Kirchenbücher zurückgehalten werden. Solche und noch viele andere Einträge sind oftmals die Gründe warum Kirchengemeinden ihre Kirchenbücher nicht zur Digitalisation freigeben.
Es muss nicht immer "braun" als Grund sein oft genügten unchristliche Einträge von Pfarrern. Ich bin nach dem 30jährigen Krieg auf einen Pfarrer gestoßen der dreimal die Konfession gewechselt hat. Erst lutherisch, dann 1660 reformiert und ab 1668 katholisch, warum wohl nur???

Grüße
Bernd

berndsh
Mitglied seit
19.10.2018

83 Beiträge

Tolle Geschichte! Die Frau, die also die ganze Nacht zu Fuß unterwegs war um Einspruch gegen die Ehe zu erheben, ist am Ende dafür noch bestraft worden?
Das Brautpaar wird trotzdem getraut, sie aber hat nichts erreicht außer Ärger, arme Frau.
Sowas habe ich hier im hohen Norden noch nie gelesen,abgesehen davon, dass hier viele Kirchenbücher erst 10 Jahre später anfangen.

Gruß
Bernd

Franz_Ridler
Mitglied seit
03.04.2015

1629 Beiträge

persuadirte ich sie bedde zu billigem Abbtrag ...
... Die Dirne ist nach-
gehendt, wie man sagt, zu Wertheim weidlich gestrafft worden.

Sie hat woht den Abtrag für ein Lifting verwendet

Eva64
Mitglied seit
04.01.2015

202 Beiträge

Ich finde es schwierig die damaligen Moralvorstellungen (die ich persönlich auch nicht verstehe) unter den heutigen Gesichtspunkten zu bewerten. Ich saß schön häufiger Kopfschüttelnd vor Einträgen.
Wenn ich dann so eine Geschichte lese, bekomme ich Kopfkino und stelle mir vor, wie die Frau am Tag vorher erfährt, dass ihr gedachter Liebster ein Doppelleben führt und wie sie sich dann aufgebracht auf den Weg macht, um ihn bloß zu stellen. Das erforderte in dieser Zeit sicherlich viel Mut. Ich finde die Frau bewundernswert. Wenn es eine meiner Vorfahrinnen wäre, würde ich versuchen, ihre Geschichte zu ergründen.

Viele Grüße
Eva

Beck62
Mitglied seit
19.02.2021

1 Beiträge

sehr interessant und aufschlussreich.Danke für den Beitrag

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