Landeskirchliches Archiv Dresden – Kirchenbuchdigitalisierung, Verzögerungen und fehlende Transparenz

Liebe Sachsen-Forscher,

Anlaß für diesen Beitrag ist die aktuelle Mitteilung zur erneuten Verschiebung der Kirchenbücher des Kirchenbezirkes Pirna. Dazu hat #ericf dankenswerterweise bereits einen eigenen Beitrag veröffentlicht:


Die dort mitgeteilte erneute Terminverschiebung ist für mich allerdings kein isolierter Vorgang, sondern fügt sich in eine Entwicklung ein, die ich seit längerem kritisch verfolge. Deshalb möchte ich die Gelegenheit nutzen, einige grundsätzliche Fragen zur Arbeit und Informationspolitik des Landeskirchlichen Archivs Dresden anzusprechen.

Die Bereitstellung der Pirnaer Kirchenbücher war ursprünglich bereits für das 4. Quartal 2025 vorgesehen. Danach wurde der Termin mehrfach verschoben. Zuletzt stand (und steht noch) seit Monaten auf der Internetseite des Archivs das 4. Quartal 2026. Nun erfahren wir auf Nachfrage, daß es voraussichtlich erst im 1. Quartal 2027 so weit sein soll. Als Begründung werden Verzögerungen bei der Verfilmungsstelle des Bundes angeführt.

Diese Erklärung überzeugt mich inzwischen nicht mehr. Dafür gab es in den vergangenen Jahren zu viele Verschiebungen und zu viele unterschiedliche Begründungen.

Bei persönlichen Besuchen im Dresdner Archiv wurde uns über längere Zeit immer wieder der Personalmangel als wesentlicher Grund genannt. Die vorhandene Personaldecke reiche nicht aus, um Restaurierung und Sicherungsverfilmung zügig voranzubringen. Bei einem Besuch im August kam dann eine weitere Begründung zur Sprache: Man müsse auch die Belange der Mormonen (Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage) berücksichtigen. Dabei geht es offenbar um deren Praxis der postumen Taufe Verstorbener und die daraus abgeleitete besondere Sensibilität im Umgang mit Kirchenbuchdaten.

Ich frage mich allerdings, weshalb diese Problematik gerade in Dresden derart ins Gewicht fällt. Wie lösen Magdeburg und Eisenach diese Frage? Auch dort gibt es historische Kirchenbücher und dieselben grundsätzlichen Datenschutzanforderungen. Weshalb gelingt dort eine wesentlich zügigere Bereitstellung bei Archion?

Religiöse Empfindlichkeiten können doch kein pauschales Hindernis für die Bereitstellung historischer, rechtlich freigegebener Kirchenbücher sein. Hier erwarte ich eine konkrete Erklärung statt immer neuer allgemeiner Begründungen.

Ein Vergleich, der Fragen aufwirft​

Ich habe das Landeskirchenarchiv Magdeburg zwischen 2019 und 2024 fünfmal für jeweils mehrere Tage besucht. Damals waren die Kirchenbücher offenbar bereits weitgehend sicherungsverfilmt. Die Kirchenkreise waren vollständig gelistet, und es stand ein umfangreicher Bestand zur Verfügung. Allerdings wurden die Kirchenbücher noch auf herkömmlichen Filmrollen angeboten; die Einsichtnahme erfolgte über Filmlesegeräte.

Aus Dresden kannte ich bereits eine andere Situation: Dort standen schon Digitalisate für die Benutzung zur Verfügung. Deshalb ging ich seinerzeit davon aus, daß die Digitalisierung und erst recht die anschließende Veröffentlichung bei Archion in Magdeburg noch Jahre in Anspruch nehmen würden.

Heute wissen wir es besser. In Magdeburg wurde im Hintergrund kontinuierlich digitalisiert. Das Ergebnis ist umso überzeugender: Von insgesamt 19 Kirchenkreisen sind inzwischen 17 ganz oder teilweise bei Archion verfügbar. Lediglich Sömmerda und Wittenberg stehen noch aus. Diese beiden Kirchenkreise werden auf der Internetseite ausdrücklich benannt; zugleich wird offen mitgeteilt, daß hierfür noch keine Termine feststehen.

Wie konnte Magdeburg innerhalb weniger Jahre einen nahezu vollständigen Kirchenbuchbestand sicherungsverfilmen, digitalisieren und an Archion übergeben, während man in Dresden bei einzelnen Kirchenbezirken immer wieder neue Verzögerungen vermelden muß? Das ist eine Frage, auf die ich bislang keine überzeugende Antwort sehe.

Auch das Archiv in Eisenach zeigt, wie eine transparente Informationspolitik aussehen kann. Dort werden die Kirchenkreise, für die die Sicherungsverfilmung abgeschlossen ist, einzeln aufgeführt. Der nächste Arbeitsschritt wird benannt, und für bereits bei Archion verfügbare Digitalisate führt ein unmittelbarer Link zum entsprechenden Bereich des Kirchenbuchportals. Ebenso wird offen erklärt, daß das Archiv auf die Reihenfolge der Veröffentlichungen bei Archion keinen Einfluß hat.

Das sind keine außergewöhnlichen Anforderungen, sondern Beispiele für eine nachvollziehbare und benutzerfreundliche Informationspolitik.

Was in Dresden fehlt​

Auf der Internetseite des Landeskirchlichen Archivs Dresden werden derzeit 16 historische Kirchenbezirke in einer Übersicht aufgeführt. Eine vollständige Übersicht aller betroffenen historischen Kirchenbezirke und eine nachvollziehbare Darstellung ihres jeweiligen Bearbeitungsstandes fehlen jedoch. Nach meinem Kenntnisstand sind von den 16 aufgeführten Bezirken bislang lediglich fünf bei Archion veröffentlicht.

Besonders unverständlich ist, daß unter der Rubrik „Kirchenbücher online“ nicht einmal diese fünf Bezirke namentlich aufgeführt werden. Auch der Archion-Link führt nicht unmittelbar zu den tatsächlich verfügbaren Beständen.

Damit bleiben für die Benutzer wesentliche Fragen offen: Welche historischen Kirchenbezirke gehören insgesamt zum Verfilmungsprogramm? Welche Bestände sind bereits sicherungsverfilmt? Welche sind digitalisiert? Was ist bereits bei Archion verfügbar? Und was steht noch aus?

Es geht dabei ausdrücklich um die Unterscheidung zwischen Sicherungsverfilmung, Digitalisierung und tatsächlicher Online-Veröffentlichung. Das sind unterschiedliche Arbeitsschritte, deren jeweiliger Stand nachvollziehbar dokumentiert werden muß.

Die Informationsbeschaffung darf nicht den Benutzern überlassen bleiben​

Vor diesem Hintergrund halte ich es für falsch, wenn Benutzer den Eindruck gewinnen, sie sollten lieber nicht nachfragen, um das Archiv nicht zusätzlich zu beschäftigen.

Im Gegenteil: Solange angekündigte Termine wiederholt verstreichen, Internetseiten nicht zeitnah aktualisiert werden und der tatsächliche Bearbeitungsstand unklar bleibt, sind Nachfragen nicht nur legitim, sondern notwendig.

Ich werde deshalb auch weiterhin nachfragen und auf eine nachvollziehbare Information drängen. Es kann nicht Aufgabe der Benutzer sein, sich den aktuellen Stand mühsam durch Einzelanfragen zusammenzusuchen.

Was ich erwarte, ist eigentlich überschaubar:
  • eine vollständige Übersicht aller betroffenen historischen Kirchenbezirke;
  • eine klare Angabe, welche Bestände bereits sicherungsverfilmt und welche digitalisiert sind;
  • eine namentliche Auflistung der bei Archion verfügbaren Kirchenbücher;
  • eine transparente Kennzeichnung noch ausstehender Arbeiten;
  • eine zeitnahe Aktualisierung der Angaben, sobald sich Termine oder Sachstände ändern.
Dabei muß auch offen gesagt werden, wenn Termine noch nicht feststehen oder von externen Stellen abhängen.

Mein Fazit​

Die unterschiedlichen und wechselnden Erklärungen, die wiederholten Terminverschiebungen und die fehlende Transparenz lassen mich inzwischen erheblich an der Professionalität der Organisation und Durchführung dieser Arbeiten in Dresden zweifeln.

Magdeburg zeigt, daß eine konsequente Digitalisierung und Bereitstellung der Kirchenbücher möglich ist. Eisenach zeigt, daß auch bei noch ausstehenden Arbeiten eine offene und nachvollziehbare Information der Benutzer selbstverständlich sein kann.

Dresden hingegen vermittelt weiterhin den Eindruck einer erheblichen Lücke zwischen den vorhandenen beziehungsweise bearbeiteten Kirchenbuchbeständen und ihrem tatsächlichen Zugang über Archion. Diese von mir bereits als „Brandmauer“ bezeichnete Trennung muß überwunden werden.

Die Bereitstellung von Kirchenbüchern ist keine interne Angelegenheit, die nur das Archiv betrifft. Es geht um historische Quellen von erheblicher Bedeutung für Familienforscher, Ortschronisten und die allgemeine Geschichtsforschung. Ein kirchliches Archiv verwahrt Kulturgut, dessen Bedeutung weit über die eigene Institution hinausgeht. Seine Angebote müssen daher allen Interessierten offenstehen – unabhängig davon, ob sie Kirchenmitglieder sind oder nicht.

Mein Anliegen ist eine verläßliche, transparente und bürgernahe Informationspolitik sowie eine professionelle Umsetzung der notwendigen Arbeiten. Daß dies möglich ist, zeigen Magdeburg und Eisenach.

Und bis dahin werde ich weiter nachfragen!


Glück auf!
maxkli
 
Magdeburg und Eisenach sind äußerst erfreuliche, positive Beispiele. Dresden ist leider das genaue Gegenteil, aber als solches nicht allein. Man sehe sich nur Berlin/Brandenburg an. Auf katholischer Seite wäre Freiburg zu nennen. Dort überbietet man sich regelmäßig in vollmundigen Ankündigungen und Fortschrittsmeldungen, ohne dass der gemeine User bisher auch nur ein einziges Kirchenbuch online gesehen hat.

Ich hatte hier mal eine wenig beachtete Idee formuliert, wie man mit Archivalien umgehen könnte, die in den jeweiligen Archiven bereits digital vorliegen, aber nicht über Internet zugänglich sind. Was halten Sie von der Idee?
 
Man müsse auch die Belange der Mormonen (Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage) berücksichtigen. Dabei geht es offenbar um deren Praxis der postumen Taufe Verstorbener und die daraus abgeleitete besondere Sensibilität im Umgang mit Kirchenbuchdaten.
Das ist wahrscheinlich der größte Knackpunkt, wo man sich selber einen unnötigen großen Stein in den Weg legt, der alles ewig verzögert.

Theologisch ist die Totentaufe gar kein Problem, weil:
1. Es ist freiwillig. Ein Verstorbener kann das Sakrament der Taufe im Jenseits ablehnen.
2. Die evangelische Kirche erkennt das Ritual gar nicht an und hat nach deren Aussage sowieso keinen Effekt.

Also wo genau ist das Problem?
Ich seh überhaupt keinen Grund, warum man die Daten nach 1875 punktgenau zensieren muss, man könnte auch alles direkt bis ca. 1900 online stellen (je nachdem bis wann das Kirchenbuch verfilmt wurde) so wie es Eisenach, Magdeburg und Co. auch machen.
 
Ich seh überhaupt keinen Grund, warum man die Daten nach 1875 punktgenau zensieren muss, man könnte auch alles direkt bis ca. 1900 online stellen (je nachdem bis wann das Kirchenbuch verfilmt wurde) so wie es Eisenach, Magdeburg und Co. auch machen.
Da muss ich dir zustimmen, den Grund sehe ich auch nicht und kann Dresden da nicht verstehen. Ich finde vor allem den Kontrast zu Eisenach so verblüffend. Denn wo Dresden so überaus strikt ist, kennt Eisenach ja kaum eine Einschränkung. Ich hab häufiger in den Mikrofilmen vom Kreis Altenburger Land gesucht und geforscht und wenn das Kirchenbuch auf dem Mikrofilm bis 2000 oder jünger ging, dann konnte man das ohne Probleme einsehen. Da galt mehr oder weniger das Motto: Wenns hier verfilmt vorliegt, dann können sie's sich auch ansehen.
Es ist letztlich ein hausgemachtes Problem der Landeskirche Sachsen, so auf dem Jahr 1875 zu beharren.
 
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