Fundstücke (makabres, trauriges, erheiterndes)

hpsweety
Mitglied seit
14.01.2015

2 Beiträge

http://www.archion.de/p/df796894ed/
Kautendorf 1623

Am 17. Maij ist Hansen Hagers des Jüngeren Töchterlein gantz

erbärmlich in der Stuben in einem Aufspülschäftlein

ertruncken, alß Herr und Fraw nicht (im Hauß) gewesen

und die Mägd mit einer anderen Weibsperson in Garten

gewaschen und des Kindlein(s) vergeßen, ist fünf Viertel

Jahr alt geweßen, und den draufffolgenden Sontag

den 18. Maij in Begleittung Vieles Volckes zu der Erden

bestetiged worden. Pfarrherr war H. M. Vitus Reuter.

Holger.E
Mitglied seit
18.04.2022

33 Beiträge

Hallo,

hab hier auch was gefunden wo sich der Pfarrer "künstlerisch" betätigt hat oder zumindest auf das uneheliche Kind aufmerksam machen wollte?!

http://www.archion.de/p/ae4892e6e3/

Hat das Zeichen eine Bedeutung?

Man könnte dort ja auch was frei rein interpretieren... ein Feuer, ein Flügel oder auch ne Hand mit ausgestrecktem bösen Finger...

eggi
Mitglied seit
02.06.2015

1803 Beiträge

Zitiert von: Holger.E
Hallo,

hab hier auch was gefunden wo sich der Pfarrer "künstlerisch" betätigt hat oder zumindest auf das uneheliche Kind aufmerksam machen wollte?!

http://www.archion.de/p/ae4892e6e3/

Hat das Zeichen eine Bedeutung?

Man könnte dort ja auch was frei rein interpretieren... ein Feuer, ein Flügel oder auch ne Hand mit ausgestrecktem bösen Finger...

Es ist eine Hand als Kennzeichnung der unehelichen Geburt. Siehe z.B. hier:

https://agt-gen.de/uneheliche-kinder-und-sozialgeschichtliche-aspekte-sowie-kennzeichnung-kirchenbuechern/

Andere Pfarrer stellte den Eintrag auf den Kopf, so daß er beim Durchblättern des Kirchenbuchs sofor auffiel.

msiegle
Mitglied seit
10.01.2015

1356 Beiträge

Solche Hände oder Fingerzeige findet man in vielen Kirchenbüchern; ich habe schon eine recht umfangreich Sammlung davon angelegt.

Dabei sind die Hände je nach Talent des Schreibers oder stilistischer Absicht mehr oder weniger detailliert, naturalistisch oder abstrahiert - es ist sehr interessant das zu vergleichen.

In den weitaus überwiegenden Fällen der von mir gefundenen Hände markiert der Pfarrer dadurch "schändliche" Fälle wie z.b. un-/ außereheliche Geburten, oder offensichtlich vorehelichen Verkehr der Eltern, der bei der Hochzeit schon bekannt oder nicht zu übersehen war oder sich durch zu frühe Geburten im Nachhinein herausstellte. Daher auch Hände bei ehelichen Taufen, die relativ kurz nach der Hochzeit stattfanden... Oder bei Selbsttötungen.
In all diesen Fällen also die mahnend erhobene Hand oder der verurteilende Fingerzeig.

Seltener finden sich die Hände bei:
- außergewöhnlichen Ereignissen (z.B. ein bei den Todeseintragungen ergänzter Bericht über Epidemien wie die Pest
- anderen, oft unnatürlichen Todesursachen (Mord und Totschlag), oder besonders tragischen Todesfällen oder Vorkommnissen (casus tragicus)
- besonderen Ereignissen wie z.B. gesponserte Almosenverteilung nach Ableben gutsituierter Bürger
- bemerkenswerte Hochzeiten (Lokalprominenz)
- Querverweise/ nachträgliche Einfügungen

Holger.E
Mitglied seit
18.04.2022

33 Beiträge

wieder viel gelernt... Danke für die Erklärungen

Holger.E
Mitglied seit
18.04.2022

33 Beiträge

"hinterlies 2 Töchter und erlebte 26 Enkel"

http://www.archion.de/p/d0df380374/

2 Fußballmannschaften, inkl. Schieds- u. Linienrichtern...

Okay, je nachdem wie der Eintrag gemeint ist... könnte es ja auch sein das Sie mehr Töchter/Kinder hatte... bei Ihrem Tod aber nur noch die 2 gelebt (hinterlassen) haben...

eggi
Mitglied seit
02.06.2015

1803 Beiträge

Zitiert von: Holger.E
"hinterlies 2 Töchter und erlebte 26 Enkel"

http://www.archion.de/p/d0df380374/

2 Fußballmannschaften, inkl. Schieds- u. Linienrichtern...

Okay, je nachdem wie der Eintrag gemeint ist... könnte es ja auch sein das Sie mehr Töchter/Kinder hatte... bei Ihrem Tod aber nur noch die 2 gelebt (hinterlassen) haben...

Da kann ich kontern. Neun Fußballmannschaften plus Ersatzspieler.

http://www.archion.de/p/52c400fc4f/

Der Bäckermeister Johann Jacob Sinn der Alte stirbt in Zeiskam im Alter von 86 Jahren, nach 61 Jahren in der Ehe. Er hat 15 Kinder, 50 Enkel und 43 Urenkel gesehen.

Holger.E
Mitglied seit
18.04.2022

33 Beiträge

@eggi okay mir war sicher bewusst das "meine" 26 Enkel sicher kein "Highscore" sind... aber das was du gefunden hast... wow...

msiegle
Mitglied seit
10.01.2015

1356 Beiträge

Zitiert von: eggi

Der Bäckermeister Johann Jacob Sinn der Alte stirbt in Zeiskam im Alter von 86 Jahren, nach 61 Jahren in der Ehe. Er hat 15 Kinder, 50 Enkel und 43 Urenkel gesehen.

Exorbitant!

Wobei ja meiner Vermutung nach die Umschreibung "gesehen" so zu verstehen ist: "zu seinen Lebzeiten wurden geboren"... und da wurden evtl auch alle sehr früh verstorbenen, jägetauften Kinder und evtl. die Totgeburten mitgezählt (gewissermaßen: potentielle Nachfahren).

Vor meinem geistigen Auge hab ich mir schon oft eine solche Großfamilie zu einem Gruppenfoto aufgestellt und überlegt, ob wohl bei einer Anzahl von 50 Enkeln oder mehr der Opa überhaupt noch alle Namen gewusst hätte...

Seaotter
Mitglied seit
02.07.2021

541 Beiträge

Falls all die Enkel noch lebten, als die Großeltern starben, zeugt das wohl von einer starken Lebenskraft der Familie. Viele Kinder starben an Krank-
heiten, wegen Armut der Eltern (Nahrungsmangel) und schlechter Wohnverhältnisse. Hohe Kinderzahlen in allen Kirchenbüchern zu finden.
Kinder-Reichtum auch erwünscht. (eigenes Thema).
Schwangerschaftsverhütung - wenn überhaupt kirchlich erlaubt - ( "gehet hin und mehret Euch" ) - unbekannt oder unsichere Methoden angewandt bis in
die neuere Zeit.

nur Beispiele aus dem Internet:
https://www.fernarzt.com/verhuetungsmittel/geschichte/

https://www.katholisch.de/artikel/4861-planen-statt-verhueten

VG.